Ich zog eine akademisch gebildete und weise Landschaftsplanerin zu Rate. Auf der ersten Etage legte sie den Kopf schief, auf der zweiten spitze sie den Mund zu einem "Ouh" und auf der dritten Etage meinte sie: "Es ist alles verseucht! Sie haben einen agressiven Neophyten!" - "Wo?!", rief ich und duckte mich, was mir dann ein bisserl peinlich war, weil die Frau nämlich den Flieder meinte. Ich hingegen dachte mehr an die Invasion einer außerirdischen Spezies, was, genau genommen, auch gar nicht so falsch war und um Sie nicht länger auf die Folter zu spannen, werde ich kurz erläutern, was die gute Frau gemeint hat:
Als Neophyten werden Pflanzenarten bezeichnet, die aus fernen Ländern in unsere Ökosysteme einwandern und bei uns heimisch werden. Grundsätzlich kein Problem. Ein großer Teil der Flora in Österreich sind Neophyten. Wenn die Pflanzen allerdings bei uns so hervorragende Wachstumsbedingungen vorfinden, dass sie sich invasiv ausbreiten können und die heimische Flora vollkommen verdrängen, werden sie als agressive Neophyten bezeichnet. Es gibt in Österreich eine Liste von rund 20 Pflanzenarten, die in diesem Sinne als problematisch eingestuft werden, darunter der Girsch, die Goldrute, die Robinie (auch Akazie genannt) und der, ach so hübsche und wohlriechende, Flieder - "Syringa vulgaris"."Ausreißen," empfahl die Dame "und zwar gründlich! Aber der Sauhund wird wieder kommen. Dann müssen sie ihn nochmal ausreißen, mitsamt der Wurzel, bis in eine Tiefe von einem halben Meter. Hat aber eh keinen Sinn und wenn ihnen das Ausreißen irgendwann zu blöd geworden ist, sprühen sie einfach flächendeckend Roundup, legen eine schwarze Folie drüber und ziehen ins Hotel. Wenn sie nach einem Jahr zurückkommen und die Folie entfernen, ist der Flieder wahrscheinlich weg, und alles andere auch. Die Samen wären halt noch da. Aber beim nächsten Starkregen, erodiert eh der ganze Hang und die Erde wird nach unten gespült. Die schaufeln sie einfach in einen LKW und transportieren sie ab. Aber ein paar LKWs werden's schon brauchen. Damit hätten sie das Problem allerdings nachhaltig beseitigt! Oben am Hang legen sie dann eine Felsensteppe an, was hernach das ideale Ökosystem für Ihren Garten wäre."
Auch, wenn Sie es nicht glauben: Genau so ist es geschehen! Nur das Roundup habe ich weggelassen. Der Herr Ziii hat zwei Sommer damit verbracht, Fliederschößlinge mit dem Pickel zu rupfen. Übrig geblieben ist nichts, außer nackertem, lockeren Erdreich, wovon wir gut die Hälfte, ganz ungeduldig, in Kübeln nach unten getragen haben, durchs Haus durch und raus auf die Straße. Wir konnten es halt einfach nicht erwarten. Der Rest kam dann doch mit dem Regen, ebenfalls durchs Haus durch und raus auf die Straße. Mit fünf Fuhren zu je fünfzehn Tonnen war der Invasor dann verschwunden.
Zwei Sträucher des "Gemeinen (!) Flieder - Syringa vulgaris" durften jedoch bleiben. Mit Argusaugen beobachte ich deren Entwicklung und wenn die beiden sich auch nur einen Millimeter, aus dem ihnen zugestandenen Territorium, hinausbewegen... wumm... ziehe ich ihnen, ganz weltpolitisch, volle Wäsch' eins über, denn Maßlosigkeit ist eine Sünde.
Die Blütendolden nehme ich jedes Jahr ab und koche Sirup draus und so haben wir doch noch unseren Frieden gefunden, der Neophyt und ich.


Zur Herstellung des Rhabarbersirups brauchen Sie zunächst einmal die folgenden Zutaten:
- 1/2 kg rotstieliger Rhabarber
- 1/2 kg Zucker - ich verwende den Biozuckerrübensirup von Wiener Zucker
- 1 l Wasser
Den Rhabarber putzen und die Stangen in 1 cm breite Stücke schneiden. Mit dem Zucker bestreuen und gut vermischen. Den gezuckerten Rhabarber ungefähr eine Stunde safteln lassen. Anschließend mit Wasser übergießen und in einem großen Topf zum Kochen bringen. Auf kleiner Flamme ungefähr eine Viertel Stunde dahin köcheln lassen, bis der Rhabarber zerfällt. Den Saft durch ein Tuch abseihen, aber nicht auspressen, sonst wird der Sirup trüb. Besser ist es das Tuch über einem hölzernen Kochlöffel zusammenbinden und diesen quer in einen hohen Topf hängen, sodass das Rhabarbermus gut abtropfen kann. Am besten über Nacht stehen lassen.
- ungespritzte Fliederblüten, je mehr, desto besser, aber fein säuberlich von den Stängeln gezupft, sodass kein Grün bleibt, denn Syringa vulgaris ist in allen Teilen giftig, ausgenommen der Blüten. Das Grün der Stängel und der Blätter schmeckt zudem auch noch bitter und verhunzt Ihnen den Sirup
- 1 Biozitrone
Die Fliederblüten ungewaschen in einen Krug geben. Die Zitrone heiß abwaschen, in Scheiben schneiden und zu den Blüten geben. Mit dem zimmerwarmen Rhabarbersirup aufgießen und kühl stellen. Die Blüten mindestens drei Tage durchziehen lassen. Währenddessen ab und zu umrühren, damit die Fliederblüten oben nicht zu schimmeln beginnen. Anschließend den Sirup noch einmal auf die gleiche Art und Weise abseihen, wie oben beschrieben.
Der Sirup ist jetzt trinkfertig und hält sich im Kühlschrank zwei bis drei Wochen. Wollen Sie ihn länger aufheben, müssen Sie mehr Zucker zusetzen und ihn nochmal erhitzen, wodurch er jedoch einiges an Aroma einbüßt. Rechnen Sie pro Liter Sirup ein halbes Kilo Zucker extra. Den Sirup dann heiß in ausgekochte Flaschen füllen und sofort verschließen. An einem kühlen und dunklen Ort können sie den Sirup dann auch ein paar Monate aufheben. Es ist nicht sinnvoll den zusätzlichen Zucker vor dem Ansetzen hinzuzufügen, da die Blüten sonst zu stark verkleben würden und sich nicht mehr gut abseihen lassen. Daher erst den fertigen Rhabarber-Fliedersirup mit der angegebenen Extramenge Zucker in einem Topf erwärmen, aber auf keinen Fall zu heiß werden lassen oder womöglich aufkochen. Dadurch verflüchtigt sich das Fliederaroma auf nimmer Wiedersehen.
In den meisten Rezepten wird Zitronensäure zur Konservierung verwendet und auch wenn es so klingt, als wäre diese etwas natürliches, wird sie doch industriell hergestellt, hat mit Zitrusfrüchten nichts zu tun und trägt die E-Nummer 330. Außerdem finde ich, dass Zitronensäure, auch in kleinen Mengen, dem Sirup eine penetrante Geschmacksnote hinzufügt, die dem feinen Blütengeschmack des Flieders ganz und gar nicht zuträglich ist. Ich verzichte lieber darauf, und trinke den Fliedersirup nur ein paar Wochen im Jahr. Es kommen ja noch die Blüten von Rose, Holunder, Akazie...


Quelle: inspiriert von rhubarb-rosewater-syrup - 101 cookbooks